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Klinikaufenthalt - 'Ich nahm die Tablette und konnte förmlich mit ansehen wie sämtliche Synapsen lah

Ich konnte nichts selber entscheiden. Ich wurde bestraft. Mein Selbstwertgefühl war am Boden und der Umgang dort hat dies nur bestätigt. Ich war nichts mehr wert.
Abgefertigt wie Massenware. Aufnahmegespräch, Taschenkontrolle, Matratze auf den Flur geschmissen, Bettwäsche dazu und Tschüss.. Die Türen wurden abgeschlossen. Alles was mir noch irgendetwas bedeutet hat, wurde mir genommen. Ich lag da, auf dem Flur, auf meiner kleinen, durchgelegenen Matratze, direkt gegenüber von den Toiletten und neben dem Schwesternzimmer. Ich sollte schlafen. Ich fragte den Pfleger nach einem Glas Milch, er guckte mich verständnislos an, schloss dann aber die Küche auf, in der die gefährlichen Brotmesser, Gläser und Putzmittel aufbewahrt wurden, und reichte mir schließlich einen Plastebecher mit Milch. Ohne ein Wort zu verlieren ging er wieder ins Schwesternzimmer und lachte köstlich mit seinen beiden Kolleginnen. Der Becher Milch war das erfreulichste an dem ganzen Tag. Leider fiel es mir schwer mich an diesem positiven Ereignis zu motivieren. Der Becher war leer und ich konnte mich wieder voll auf die Situation konzentrieren. Ich hätte alles getan damit mein Kopf endlich Ruhe gibt. Die Schwestern bzw. der Pfleger wuselten die ganze Zeit auf dem Flur umher.. Als wäre es völlig normal, dass da jemand liegt und krampfhaft versucht zu schlafen. Und obwohl ich das Gefühl hatte nicht wahrgenommen zu werden klapperte es plötzlich hinter mir. Ich drehte mich um und sah eine der Schwestern die mir einen Becher, diesmal gefüllt mit Wasser, und ein kleines Gefäß mit einer Tablette vor die Nase hielt. Nun konnte ich das Klappern auch zuordnen… Sie meinte, mit vorwurfsvollem Klang, dass ich die Tablette nehmen soll um endlich mal zu schlafen. Sie verlor kein Ton darüber was es denn für eine Tablette sei, geschweige denn der Frage ob ich sie nehmen möchte. Ich war Minderjährig, also hatte ich kein Mitspracherecht und meine Mutter war 800 Kilometer von mir entfernt. Ich nahm die Tablette und konnte förmlich mit ansehen wie sämtliche Synapsen lahmgelegt wurden. Ich fühlte mich als hätte man mir Liquid ins Glas gemischt. Nicht mehr Herr meines Körpers schlief ich schließlich irgendwann ein. Und ich schlief. Und ich schlief lange. Als ich irgendwann in einem Zwischenstadium zwischen schlafend und wachend angekommen bin wusste ich weder wo ich war, noch welchen Tag geschweige denn welche Tageszeit wir hatten. Ich lag auf meiner Matratze. Menschen liefen um mich herum. Türen gingen auf und zu. Ich hörte Stimmen konnte sie jedoch nicht zuordnen. Der Flur war sehr eng also stieß ständig irgendetwas gegen die Matratze was mir jedes Mal vorkam wie ein Erdbeben - wobei ich sagen muss, dass ich noch nie eines erlebt habe.
Zwischenzeitlich wurde es wieder ruhiger um mich herum. Meine Wahrnehmung war immer noch alles andere als klar. Ich weis nicht ob ich nochmal geschlafen habe. Ich weis nur, dass es auf einmal wieder laut wurde. Diesmal konnte ich mehr erkennen. Ich sah woher die Stimmen kamen. Da waren Menschen, einige waren Erwachsen, andere in meinem Alter. Ein großer Mann lief an mir vorbei. Er hatte einen weißen Kittel an. Dann war ich wieder weg. Ich weis nicht ob ich in der ganzen Zeit etwas geträumt habe. Irgendwie fühlte sich alles an wie ein Traum. Und dann, nach einer gefühlten Ewigkeit des Rausches, nahm ich etwas ganz deutlich wahr. Ich wurde angesprochen. Eine warme, männliche Stimme hat vorsichtig meinen Namen gesagt. Ich habe eine Weile gebraucht aber dann konnte ich zuordnen woher die Stimme kam. Ich öffnete die Augen und drehte mich um. Da war er, der Mann im weißen Kittel. Scheinbar sah ich noch etwas benebelt aus. Er reichte mir ein Glas (!!) Wasser und half mir aufzustehen. Wir gingen den Flur entlang, an einem offenen Raum vorbei in dem fünf oder sechs junge Leute saßen die in etwa in meinem Alter waren. Einige guckten mich an. Sie saßen an einem großen Tisch und da waren viele Fenster. Mehr konnte ich im Vorbeigehen nicht erkennen. Der Mann schloss eine Tür auf. Wir traten in ein Zimmer ein. Ein heller Raum in dem ein großer Schreibtisch, ein kleinerer Tisch mit drei Stühlen und ein par Pflanzen standen. Der Mann zeigte auf einen Stuhl, sodass ich mich hinsetzte. Er kramte am Schreibtisch rum und setzte sich dann auf einen anderen Stuhl, mir schräg gegenüber. Zu erst stellte er sich vor. Er war der Oberarzt und leitete die Station auf der ich gefangen war. Er war ganz anders als die Schwestern und der Pfleger. Ich fühlte mich nicht mehr ganz so verurteilt. Er sagte mir in ruhigem Ton weshalb ich auf der Station sei und wie es jetzt weitergehen würde. Ich habe seine Worte zwar verstanden, jedoch angekommen sind sie nicht. Das Gespräch war beendet und wir gingen zusammen wieder zurück . Er gab mich in dem Raum mit den vielen Fenstern wieder an die Schwestern ab. Da saß ich nun. An einem großen Tisch, in einem relativ großen Raum mit zu vielen Menschen um mich herum. Es war kaum auszuhalten. Dort verbrachte ich 5 Wochen. 5 Wochen die scheinbar nie vergehen wollten. Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern. Ich weis, dass ich fast jeden Abend mit meiner Mutter telefoniert habe. Sie war sogar einmal da. Ist extra so weit gefahren, hat sich dort ein Hotelzimmer genommen, um mich zu besuchen. Doch selbst davon weis ich nichts mehr. Ich weis nur noch, dass es die schlimmste Erfahrung war die ich bisher gemacht habe. Und ich frage mich hin und wieder, woher ich die Kraft genommen habe, diese Zeit zu überstehen. Es war so oft unerträglich. Ich habe keine Ahnung wie der Alltag da aussah. Ich kann mich an höchstens zwei meiner Mitpatienten halbwegs erinnern. Das Einzige woran ich mich erinnere sind die Emotionen. Aber auch nur an manche. Auch vor dieser Erfahrung habe ich schon viel Negatives erlebt, aber ich kann aus Allem etwas positives ziehen. Nur nicht aus diesen 5 Wochen. 5 Wochen die in meinem Kopf scheinbar mehr kaputt gemacht haben als der Grund weshalb ich da gelandet bin.
In dieser absolut schrecklichen und abstrakten Zeit war ich 16 Jahre alt
7.1.16 13:21
 


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